Douziech M., Petruzzelli M., Mann S., Ehlers M.-H., Scherer L., El Benni N.
Sozialbilanz: Eine Methode zur Bewertung der sozialen Nachhaltigkeit entlang von Wertschöpfungsketten.
Agroscope Science, 228, 2026, 1-17.
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Die Ökobilanz (Life Cycle Assessment, LCA, auf Englisch) ist eine ISO-normierte und weit verbreitete Methode zur Bewertung verschiedener Umweltauswirkungen eines Produkts über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg. Der Vorteil des multikriteriellen, lebenszyklusbasierten Ansatzes besteht darin, dass er die notwendigen Informationen liefert, um zu verhindern, dass Umweltbelastungen von einer Kategorie auf eine andere oder von einer Lebenszyklusphase auf eine andere verlagert werden. Auf dieser Grundlage wurde die Sozialbilanz (soziale Lebenszyklusanalyse oder social Life Cycle Assessment, S-LCA, auf Englisch) entwickelt, um die soziale Nachhaltigkeit von Produkten über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg zu bewerten. Im Vergleich zu anderen derzeit verfügbaren Methoden zur Bewertung der sozialen Nachhaltigkeit berücksichtigt die Sozialbilanz eine Vielzahl von Akteuren entlang des gesamten Lebenszyklus eines Produkts (z. B. Arbeitnehmer und Verbraucher) und liefert Schätzungen für verschiedene Indikatoren für soziale Auswirkungen, wie z. B. Zugang zu Bildung, Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen oder faire Löhne. Obwohl die Sozialbilanz zunehmend in verschiedenen Sektoren angewendet wird, schränken verschiedene Herausforderungen ihre Anwendung in Agrar- und Lebensmittelsystemen noch ein. Dieser Bericht gibt einen Überblick über die allgemeine Anwendung der Sozialbilanz, bevor er sich mit den spezifischen Herausforderungen der Anwendung der Sozialbilanz auf Agrar- und Lebensmittelsysteme befasst. Die Sozialbilanz folgt denselben vier Schritten wie die Ökobilanz, nämlich (1) Festlegung des Ziels und Untersuchungsrahmens, (2) Sachbilanz, (3) Wirkungsabschätzung und (4) Interpretation und Auswertung. Im ersten Schritt werden methodische Entscheidungen getroffen, wie z. B. den zu verwendenden Sozialbilanz-Ansatz, die Systemgrenzen, die Stakeholder und die zu verwendenden Wirkungskategorien sowie die zu berücksichtigenden Datenquellen. Während standortspezifische Primärdaten erhoben werden können, um das Vordergrundsystem (z. B. die Pflanzenproduktion selbst) darzustellen, können allgemeinere Sekundärdaten alle Hintergrundprozesse repräsentieren, die in den Vordergrund einfliessen (z. B. die Pestizidproduktion). Als Nächstes werden im Schritt der Sachbilanz die für die Bewertung der Wirkungsindikatoren erforderlichen Daten erhoben. Falls eine Datenbank zur Darstellung der Hintergrundprozesse verwendet wird, werden die repräsentativsten verfügbaren Prozesse ausgewählt. Im dritten Schritt der Wirkungsabschätzung werden die Wirkungsindikatoren anhand der erhobenen Bestandsdaten und/oder der verwendeten Datenbank sowie anhand sogenannter Charakterisierungsfaktoren bewertet. Schliesslich werden im Schritt der Interpretation und Auswertung die Ergebnisse interpretiert und die Entscheidungen und Berechnungen aus den vorherigen Schritten reflektiert. Wir haben die Herausforderungen bei der Anwendung der Sozialbilanz auf Agrar- und Lebensmittelsysteme in (1) Rahmenbedingungen, (2) die einzelnen Schritte der Sozialbilanz und (3) die Integration der Sozialbilanz in einen ganzheitlichen Rahmen für die Nachhaltigkeitsbewertung unterteilt. Ungünstige Rahmenbedingungen wie mangelndes Engagement des Managements, Ressourcenengpässe und begrenzte Marktanreize wurden als potenzielle Hindernisse für die Anwendung der Sozialbilanz angesehen. Was die Herausforderungen im Zusammenhang mit den einzelnen Schritten der Sozialbilanz betrifft, haben wir eine Unterrepräsentation von Landwirten, Betriebsleitern und Tieren festgestellt, die mit fehlenden spezifischen Indikatoren und einem Mangel an Konsens über Indikatoren und Interessengruppen zusammenhängt. Datenlücken, die begrenzte Nutzung von Datenbanken und schwache Verbindungen zwischen sozialen Indikatoren und spezifischen Prozessen behindern die Wirkungsabschätzung und die praktische Entscheidungsfindung zusätzlich. Schliesslich ist es aufgrund unterschiedlicher Einheiten, methodischer Entscheidungen und Produktsystembeschreibungen schwierig, die Ergebnisse der Sozialbilanz in den Kontext von Nachhaltigkeitsbewertungen anderer Dimensionen zu stellen. Die Interpretation der Ergebnisse über alle drei Nachhaltigkeitsdimensionen hinweg ist eine weitere Herausforderung. Die Sozialbilanz in Agrar- und Lebensmittelsystemen könnte durch eine systematischere Nutzung von Datenbanken zur Darstellung von Hintergrundprozessen, die Harmonisierung der Terminologie mit der Ökobilanz und die Entwicklung sektorspezifischer Indikatoren – insbesondere für Landwirte, Betriebsleiter und Tiere – gestärkt werden. In der Schweiz muss sich die Sozialbilanz an Familienbetriebe und selbstständige Landwirte anpassen, über die Kategorie „Arbeitnehmer“ hinausgehen und die Wirkungskategorien an die lokalen Vorstellungen von sozialer Nachhaltigkeit anpassen.
ISSN Online: 2296-729X
Digital Object Identifier (DOI): https://doi.org/10.34776/as228g
ID pubblicazione (Codice web): 62193
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